Die zweite Chance

Fast 3000 Erwachsene haben in den vergangenen 50 Jahren ihr Abitur nach Feierabend nachgeholt und ihre zweite Chance an der heutigen Schule für Erwachsene (SfE) genutzt.

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die vor 50 Jahren in Neu-Isenburg begann: Damals bot erstmals eine private Abendschule Erwachsenen an, das Abitur nachzumachen. 16 Schüler schafften das schließlich drei Jahre später bei der ersten Abschlussprüfung. Seither haben hier insgesamt 2963 Berufstätige die Allgemeine Hochschulreife und 792 die Fachhochschulreife bestanden, es sind unzählige Freundschaften fürs Leben und auch die eine oder andere Ehe geschlossen worden. 81 Schüler machten den Realschulabschluss in der heutigen Schule für Erwachsene (SfE), die 2009 ins Haus des Lebenslangen Lernens in Dreieich-Sprendlingen zog – es sind noch vergleichsweise wenige, weil die Möglichkeit erst seit sieben Jahren besteht.

Am kommenden Samstag wird das Jubiläum groß gefeiert, mit fast 500 ehemaligen und aktuellen Schülern und Lehrern, einer Diskussion, bei der frühere Abiturienten ihren weiteren Weg beschreiben, und einen Vortrag des Bochumer Soziologieprofessors Aladin El-Mafaalani über „Migration, Bildung und soziale Benachteiligung“. 70 bis 80 Prozent seiner Schüler hätten heute einen Migrationshintergrund, schätzt Schulleiter Harald Höfner.

Die Gründe, warum viele nicht schon in der Regelschule das Abitur gemacht haben, sind vielfältig. Höfner gibt ein Beispiel: „Wir hatten etliche Flüchtlinge aus dem Iran an unserer Schule, deren Abitur hier nicht anerkannt wurde, und die noch einmal ganz von vorne anfangen mussten. Das sind tragische Schicksale.“ Gerne würde Höfner mehr Asylbewerber aufnehmen. „In der Max-Eyth-Schule nebenan werden minderjährige Flüchtlinge unterrichtet, doch wer schon volljährig ist, findet in der Regel keine Schule, die ihn aufnimmt. Die Idee ist, dass die Schüler dann zu uns wechseln und den Realschulabschluss machen. Viele sollen unglaublich motiviert sein“, sagt Höfner.

Eine gute Ausbildung, darüber dürfte Konsens bestehen, gilt als Schlüssel zum sozialen Aufstieg – daran hatte auch die SfE in den vergangenen 50 Jahren ihren gehörigen Anteil (siehe Kurzporträts rechts). Wer sich allerdings entscheidet, einen Schulabschluss nachzumachen, auf den kommen harte Jahre zu. Denn fast alle Schüler – Bedingung, um hier anzufangen, ist neben der Volljährigkeit auch die Berufstätigkeit – müssen arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt und vielleicht auch den von Ehepartner und Kindern zu verdienen. Etliche der Abendkurse enden erst um 22 Uhr.

Unterstützen kann sie dafür die Schulgemeinschaft, die nach Aussage von Schulleiter Höfner und auch vieler Schüler ungewöhnlich herzlich und gut ist. Alle sind per Du, auch die Schüler duzen die Lehrer. „Das ist so eine Eigenart unserer Schule“, sagt er.

Einige der Schüler nehmen weite Anfahrten in Kauf, eine Schülerin kommt sogar aus der Gießener Ecke, andere pendeln aus Aschaffenburg oder aus Wiesbaden. Dabei gäbe es auch in Mittel- und Osthessen, in Frankfurt oder Offenbach Abendschulen.

Höfner selbst, der seit 2011 Schulleiter in Dreieich ist und schon andere Schulen für Erwachsene kennengelernt hat, spricht sehr herzlich von seinen Absolventen und den aktuell 29 Lehrern. „Die Qualität der SfE liegt in ihrem engagierten Kollegium“, sagt er. Auch der 65-Jährige gibt da ein Beispiel, er geht sogar ein Jahr später in den Ruhestand, als er müsste, weil ihm die Arbeit so große Freude macht. „Viele Schüler sind dankbar für die Unterstützung und blühen hier auf“, sagt er.

Trotzdem ist die Abbrecherquote weit höher als in einem normalen Gymnasium, viele schaffen den Weg bis zum Abschluss nicht. „Die Politik will mit Eingangstests dagegen ankämpfen. Aber Abbrecher haben fast immer außerschulische Gründe“, sagt Höfner. „Die Belastungen sind groß. Viele Schüler haben Familie, die meisten müssen tagsüber Geld verdienen und abends nach der Schule noch lernen. Mich überrascht auch immer wieder, wie viele junge Menschen schwer erkranken.“

Schwänzen sei ein Problem, gibt Höfner zu. „Wir führen deshalb Anwesenheitslisten. Das haben wir eingeführt, um die Leute frühzeitig zu warnen, wenn es schwierig wird für sie. Wer mehr als 50 Prozent der Zeit fehlt, bekommt null Punkte in dem Kurs.“

50 Jahre SfE – müsste das nicht ein Grund zur ungetrübten Freude sein? Höfner runzelt die Stirn. Seit 2007 machen die Absolventen ein Zentralabitur, das bisher noch eigens für die Abendgymnasien konzipiert wurde. Doch in einigen Jahren sollen auch sie beim Regelabitur mitschreiben. „Wir haben große Bedenken“, sagt Höfner. „Die Stofffülle wächst, die Vorkurse, in denen man wieder lernt zu lernen, müssten verlängert werden. Das würde dann vier Jahre Schulzeit bedeuten. Wenn es schlimm kommt, macht hier ab 2019 keiner mehr Abitur.“

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